Die Zukunft des Wohnens (2)

DIE ZUKUNFT DES WOHNENS (2)

Die Architektur als Quell neuer Wohnkonzepte

Die Grundlagen für das Wohnen haben sich also stets gewandelt. Was die Menschen als Privatheit bezeichnen, ist eine Frage des Zeitgeistes: Das Modell der Kleinfamilie beispielsweise erhielt seine passende Raumstruktur. Schon um 1900 entwickelte der Wiener Architekt Adolf Loos seine Raumtypologie, in der sich die Räume den Bedürfnissen der Bewohner anpassen sollten und nicht von der Fassade abgeleitet werden. Auch die Erfindung des Flures eröffnete völlig neue Möglichkeiten: In den Häusern konnte eine notwendige Schleuse geschaffen werden, um die einzelnen Wohneinheiten voneinander zu trennen, womit sich das Etagenwohnen durchsetzen konnte. Wischermann bezeichnet diesen Prozess als den Weg „vom Depot zum Refugium“. Und dieses Refugium wurde sorgsam getrennt  von anderen. Aber auch innerhalb der Wohnräume herrschten neue Trennungs-Paradigmen. Bis hin zu den Kindern, die nach Geschlechtern getrennt in Räumen untergebracht wurden.

Diese kurzen geschichtlichen Verweise sind wesentlich, um zu verstehen, wie sehr sich unser Wohnen wandelt, den Ideen einer Gesellschaft den Raum gibt – wenn auch träge und verzögert. So ist das heute weit verbreitete Modell des „Einfamilienhauses“ Endpunkt einer „Privatheitsbewegung“, die auf der Idee der Kleinfamilie aufbaut. Mein Haus, mein Garten, mein Teich.

Aber gerade das Einfamilienhaus ist ein Modell, das aus heutiger Sicht wenig Zukunftsperspektiven erzeugt. Der Traum der Kleinfamilie ist ausgeträumt. Auch wenn sich die Wünsche der Menschen nach Lebenspartnerschaft und klassischer Familie nach wie vor halten: Das real gelebte Leben ist längst einen Schritt weiter. Hier hat die faktische Entwicklung unsere Vorstellung von Gesellschaft bereits überholt. Das Einfamilienhaus als Herberge einer ganzen Familie für ein ganzes Leben wirkt angesichts des demographischen Wandels und des Megatrends Individualisierung wie ein Relikt. Wie die  Studie „Familienmärkte“ (2012) auf Basis einer empirischen Untersuchung zeigt, ist der Begriff der Familie und die damit einhergehende Wohnsituation einem steten inhaltlichen und räumlichen Wandel unterworfen. Zwar sind familiärer Zusammenhalt und Nähe immer noch grundlegender Bestandteil des Idealbilds der Familie, sie werden in unserer von Mobilität geprägten Zeit aber nicht mehr vorwiegend räumlich interpretiert.

Im Jahr 2012 sind die dominierenden Haushaltsformen in Deutschland jene des Ein- bzw. Zweipersonenhaushalts. Diese in Summe über 30 Millionen Haushalte repräsentieren 73 Prozent aller Haushalte in Deutschland. Beide Haushaltsformen lassen sich mit dem traditionellen Bild der idealtypischen Familie (Mutter, Vater und ein bis zwei Kinder) nicht zur Deckung bringen. Empirische Befragungen zeigen aber: Auch Bewohner von Singlehaushalten fühlen sich, trotz räumlicher Trennung, als Teil einer Familie, eines Familiennetzwerkes. Sie zählen vorwiegend Eltern, Geschwister und Kinder zur eigenen Kernfamilie, aber auch entferntere Verwandte, Freunde und manchmal sogar Nachbarn können eine wichtige Position im Netzwerk der Kernfamilie einnehmen. Zukünftiges Wohnen ist nicht mehr an die Familie gekoppelt, sondern an die individuelle Lebensweise. Dabei sind die“ Entgrenzungserscheinungen“, die wir auch in der Familie erleben, ein wesentliches Element. Auch im Berufsleben und in der Art, wie private Beziehungen gepflegt werden, entgrenzen wir uns von vielen alten Ideen, alles aufbauend auf einer Grundlage des Wohlstands und der daraus resultierenden Individualisierung der Gesellschaft. Wobei Individualisierung nicht „Singlisierung“ bedeutet, sondern für den persönlichen Lebensfilm selbst Regisseur zu sein.

Das eigene Leben sehen immer mehr Menschen als Projekt, das gestaltet werden kann. Dabei verlässt man die Spurrinnen der vorgegebenen Lebensläufe und übt sich täglich in der persönlichen Interpretation der Zukunft.

Projekt „Bewusst Wohnen“  EFRE – Europa fördert Sachsen (Quelle: Studie „Zukunft des Wohnens“)

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Bewusst Leben ist eine Kooperation der Firmen Raumausstattung JUP,
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